Jørgen Kieler berichtet über Weihnachten 1944 im Außenlager in Barkhausen

Jørgen Kieler, geboren 1919 in Horsens, wurde als dänischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus verhaftet und kam im Herbst 1944 über Neuengamme nach Porta Westfalica. Er wurde im Außenlager Barkhausen, im Saal des Hotels Kaiserhof, gefangengehalten und musste in den Stollen rund um die Porta schwerste Zwangsarbeit leisten. Als Medizinstudent gelang es ihm, zwischenzeitlich als Assistenzarzt und Pfleger ins Krankenrevier des Kaiserhofes abkommandiert zu werden. Kieler überlebte die KZ-Haft und berichtete in seinem 2011auf Deutsch erschienen Buch "Dänischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus" unter anderem über eine Begebenheit im Dezember des Jahres 1944.

"Die Häftlinge wurden nicht nur körperlich, sondern auch psychisch bis auf die Haut ausgezogen. Bei einigen wurde der Selbsterhaltungstrieb zum vorherrschenden Charakterzug, so wie wir es in extremem Ausmaß bei den Kapos und am erschreckendsten bei Kapo Schorsch beobachten konnten. Auch bei zahlreichen gewöhnlichen Häftlingen war das mehr oder weniger der Fall. Bei anderen siegte jedoch die menschliche Würde. Hier könnte ich viele Beispiele erwähnen, werde es aber bei einem Fall bewenden lassen, der bei uns Dänen ebenso wie bei Häftlingen anderer Nationalitäten einen großen Eindruck hinterließ: der Fall des Nikolaj Nikolajsen.

[...]

Mitte Dezember erhielten wir vom Roten Kreuz warme Kleidung: für jeden Dänen eine Strickjacke, warme Unterwäsche, einen Schal, Handschuhe, eine Strickmütze und- von ganz besonderem Wert- ein Paar holzbesohlte LederstiefeL Obzwar ein wesentlicher Teil dieser Bekleidungsstücke durch spätere Diebstähle allmählich in allgemeinen Umlauf geriet, verbesserte diese Sendung die Lage der Dänen erheblich; die Gleichheit der Habenichtse

war gebrochen. Von da an bestand die Klasseneinteilung nicht mehr nur aus »Übermenschen« (SS-Leuten und Kapos) und »Untermenschen<< (gemeinen Häftlingen). Es hatte sich zwischen den »Hauptklassen<< eine neue, priviligierte Zwischenschicht gebildet, die man risikofrei verfolgen konnte: die Dänen - jetzt »rechtlos, ehrlos und wehrlos<< im wahrsten Sinne des Wortes. Der Hass wuchs stetig und erreichte an einem dunklen, regnerischen Abend seinen Höhepunkt.

 

Kapo Schorsch befahl den dänischen Häftlingen, im Hof zum Appell anzutreten. Eine neue Rot-Kreuz-Sendung mit Nahrungsmittel war eingetroffen. Die Kapos sicherten sich ihre »Zölle« und zogen sich dann in eine Ecke des Lagerhofs zurück, um das weitere Geschehen abzuwarten. Kommandoführer Nau und einige SS-Männer versammelten sich in der anderen Ecke, um die Vorstellung zu genießen. Es vergingen nur wenige Minuten, dann wurde die Gruppe russischer Häftlinge auf der anderen Seite des Hofes immer größer und rückte näher heran. Bald sahen sich die Dänen einer fünfmal größeren Menge von ausgehungerten Häftlingen aus siebzehn Nationen gegenüber, deren Gesichter von Hunger und Hass

gezeichnet waren.

 

Der Zeitpunkt für das große Massaker war gekommen. Was jetzt bevorstand,

war allen klar. Da rief plötzlich eine junge Stimme voller Angst: »Nikolaj, Nikolaj! Komm! Hilf uns!« Und aus dem Kreis verschreckter Dänen trat der große, gut gebaute Mann mit den buschigen Augenbrauen. Mit ausgestreckten Armen ging er der Menschenmasse entgegen, die immer näher rückte, um endlich mit der verhassten dänischen Oberklasse abzurechnen. Als die Häftlinge Nikolaj sahen, zögerten sie allerdings, und als er »Halt!« kommandierte, gehorchten sie. Da standen sie nun und taxierten einander: Nikolaj Nikolajsen allein gegen Hunderte von ausgehungerten Russen, Franzosen, Niederländern und anderen. Es war totenstill im Hof. Am Eingang zum großen Saal standen die Kapos erwartungsvoll und freuten sich aufs Blutbad, aber ihre Rechnung ging nicht auf. Ein paar Minuten vergingen; sie fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Dann wurde uns allen auf eine unerklärliche Weise klar, dass Nikolaj der Stärkere war. Als er sicher war, dass er die Lage unter Kontrolle hatte, ließ er die Arme langsam sinken und wandte sich seinen verängstigten Landsleuten mit den Worten zu: »Und jetzt teilen wir!<<

 

Auf diese Weise bekamen sämtliche Häftlinge ein wenig Weihnachtsessen, aber trotzdem herrschte bei der Weihnachtsfeier eine traurige Stimmung. Wider Erwartung wurden wir 2 Tage von der Arbeit befreit, was Freude und Sorge zugleich weckte, denn im Alltag waren die Häftlinge in eine Tag- und eine Nachtschicht aufgeteilt, und schon da gab es weder genug Schlafstellen noch Decken für alle. Wenn sich jetzt alle Häftlinge auf einmal im Lager aufhalten sollten, musste man mit einem Kampf aller gegen alle rechnen, denn wie sollte man sich sonst einen Platz erobern wo man die Weihnachtsnacht verbringen konnte, ohne frieren zu müssen?

 

[...]

 

Der Höhepunkt des Weihnachtsabends war das Mittagsessen aus den dänischen Rot-Kreuz-Paketen. Es gab Haferflocken, die in Wasser und entrahmter Milch gekocht und mit etwas Ovomaltine angereichert waren. Die Suppe war dünn, aber sie tat uns sehr gut. Einige Dänen hatten auch noch die Reste der Pakete ausgehändigt bekommen, die ihre Familien

geschickt hatten, und teilten die Inhalte mit den anderen. Nikolajs Rede stieß nicht auf taube Ohren.

 

Als die Mahlzeit zu Ende war und die Essnäpfe sauber geleckt, versuchten wir uns an einigen dänischen, französischen und polnischen Weihnachtsliedern. Die Russen waren dabei etwas desorientiert, denn sie waren es nicht gewöhnt, Weihnachten zu feiern. Sie wussten aber durchaus, worum es ging, und spürten wie alle anderen auch eine krasse Disharmonie zwischen der Idee vom Weihnachtsfrieden und der Wirklichkeit, in der wir lebten. Die Erinnerung daran, dass wir früher Menschen waren, die von anderen geliebt wurden, trieb vielen die Tränen in die Augen und bewegte uns tief. Die Kerzen brannten schnell nieder, und der Geruch von angesengten Tannennadeln verbreitete sich im Raum. Die Kranken dösten ein, und Träume, die sie lange nicht mehr geträumt hatten, verringerten den harten Blick in ihren Augen, so dass die scharfen, ausgezehrten Gesichtszüge weniger gepeinigt erschienen, menschlicher."

Jørgen Kieler in "Dänischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus", Offizin-Verlag Hannover 2011, S. 298f.

 

Nikolai Nikolajsen verstarb am 03. März 1945 im Außenlager Barkhausen, Dr. Jørgen Kieler setzte sich Zeit seines Lebens dafür ein, dass die Geschichte seiner Kameraden aus dem dänischen Widerstand und insbesondere derer, die in Porta inhaftiert waren, nicht in Vergessenheit gerät. Er verstarb im Februar 2017 im Alter von 97 Jahren.